Turnaround in KMU: Was in den ersten 90 Tagen passieren muss

Turnaround in KMU.
Was in den ersten 90 Tagen passieren muss

Manfred Buxbaum


## Die ersten 90 Tage sind alles

In Konzernen dauert ein Turnaround 18–24 Monate. In KMU hast du 90 Tage. Nicht, weil die Probleme kleiner sind – sondern weil die Ressourcen endlich sind. Wenn nach drei Monaten keine spürbare Verbesserung eintritt, verliert das Team den Glauben. Und dann wird es richtig teuer.

Ich habe diesen Prozess mehrfach durchlaufen – zuletzt als Geschäftsführer eines deutschlandweiten Bildungsträgers, bei dem ich den [Umsatz innerhalb von 18 Monaten nahezu verdoppelt habe](/ergebnisse/turnaround-bildungstraeger). Hier ist, was funktioniert.

Woche 1–2: Zuhören, nicht handeln

Der größte Fehler, den neue Führungskräfte in Turnaround-Situationen machen: Sofort umbauen. Bevor du irgendetwas änderst, musst du verstehen, was wirklich los ist.

Sprich mit jedem. Nicht nur mit dem Management – mit dem Vertriebsteam, der Buchhaltung, dem Empfang. Die Menschen an der Front wissen meistens genau, wo die Probleme liegen. Sie wurden nur nie gefragt.

Bei meinem letzten Turnaround habe ich in den ersten zwei Wochen mit allen 17 Mitarbeitenden persönlich gesprochen. Das Ergebnis: Innerhalb von 10 Tagen hatte ich ein klareres Bild der Probleme als das vorherige Management in zwei Jahren.

Folge dem Geld. Wo kommt der Umsatz her? Welche Kunden sind profitabel, welche kosten Geld? Wie sieht der Cash-Flow wirklich aus? Oft unterscheidet sich die Realität dramatisch von dem, was im Reporting steht.

Identifiziere die drei größten Hebel. Nicht zehn, nicht zwanzig – drei. In jedem Turnaround gibt es wenige Stellschrauben, die den Großteil des Effekts bringen. In meinem Fall waren es: fehlende Vertriebsstruktur, veraltete AZAV-Zertifizierung und keine digitalen Prozesse.

Woche 3–6: Quick Wins und Vertrauensaufbau

Jetzt wird gehandelt – aber gezielt. Quick Wins sind nicht Aktionismus. Sie sind strategisch gewählte Maßnahmen, die schnell sichtbare Ergebnisse liefern und Vertrauen im Team aufbauen.

Typische Quick Wins in KMU-Turnarounds:

- Ein vergessener Vertriebskanal, der reaktiviert wird
- Ein überflüssiger Prozess, der gestrichen wird
- Ein frustriertes Key-Account, das durch persönlichen Anruf zurückgewonnen wird
- Ein CRM-System, das in zwei Wochen live geht

Konkretes Beispiel: In meinem letzten Mandat habe ich in Woche 3 ein CRM-System eingeführt. Vorher gab es Excel-Listen und Kopfwissen. Nach zwei Wochen hatte jeder Vertriebsmitarbeitende eine saubere Pipeline mit automatisierten Follow-ups. Der erste Quick Win war nicht die Technik – sondern die Transparenz. Plötzlich konnte das Team sehen, wo die Chancen lagen.

Quick Wins haben einen doppelten Effekt: Sie verbessern die Zahlen und sie zeigen dem Team, dass Veränderung möglich ist.

Woche 7–12: Strukturen bauen

Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Quick Wins bringen kurzfristige Verbesserung – nachhaltige Transformation braucht Strukturen.

Vertrieb systematisieren. Kein KMU kann sich Vertrieb aus dem Bauch heraus leisten. Pipeline-Management, klare KPIs, regelmäßige Reviews. Klingt unsexy – aber genau hier liegt das Geld. In diesem Mandat haben wir die Conversion-Rate von Erstgespräch zu Abschluss mehr als verdoppelt – allein durch strukturiertes Pipeline-Management und definierte Follow-up-Rhythmen.

Team richtig aufstellen. In Turnaround-Situationen gibt es immer Menschen, die nicht mitziehen können oder wollen. Die schwierigste und wichtigste Entscheidung: Schnell handeln. Jede Woche, die du wartest, kostet Momentum.

Prozesse digitalisieren. Nicht alles auf einmal – aber die kritischen Punkte: CRM, Reporting, Kommunikation. Die Investition amortisiert sich in Wochen, nicht Monaten.

Typische Fehler in KMU-Turnarounds

Über die Jahre habe ich ein Muster erkannt: Die meisten Turnarounds scheitern nicht an der Strategie, sondern an vermeidbaren Fehlern.

Fehler 1: Zu viel gleichzeitig. Geschäftsführer wollen das Unternehmen auf allen Ebenen gleichzeitig transformieren – neues CRM, neue Marke, neuer Vertrieb, neues Team. Das Ergebnis: Alle Baustellen laufen, keine wird fertig. Meine Regel: Maximal drei parallele Initiativen.

Fehler 2: Die falschen Leute behalten. In jedem Turnaround gibt es 10–15% der Belegschaft, die aktiv gegen Veränderung arbeiten. Nicht aus bösem Willen – sondern weil sie sich bedroht fühlen. Wer zu lange wartet, riskiert, dass diese Haltung das ganze Team infiziert.

Fehler 3: Quick Wins überspringen. Manche Führungskräfte wollen direkt die großen strategischen Themen angehen. Aber ohne schnelle, sichtbare Erfolge verliert das Team das Vertrauen in die neue Führung. Quick Wins sind kein Aktionismus – sie sind die Währung, mit der du dir Handlungsspielraum erkaufst.

Fehler 4: Keine Übergabestrategie. Der beste Turnaround ist wertlos, wenn alles zusammenbricht, sobald der Interim Manager geht. Von Tag 1 muss klar sein: Das Ziel ist nicht Abhängigkeit, sondern Befähigung. Jede Struktur, die du aufbaust, muss ohne dich funktionieren.

Checkliste: Ist dein Unternehmen reif für einen Turnaround?

Nicht jede schwierige Phase ist ein Turnaround-Fall. Manchmal reicht eine [Strategieberatung](/strategieberatung), manchmal braucht es [operative Führung auf Zeit](/interim-management). Diese Checkliste hilft bei der Einordnung:

- Umsatz stagniert oder fällt seit mehr als zwei Quartalen
- Key-Mitarbeitende verlassen das Unternehmen oder sind demotiviert
- Kein klares Bild über Pipeline, Profitabilität oder Cash-Position
- Prozesse existieren nur im Kopf einzelner Personen
- Vertrieb funktioniert nicht systematisch – kein CRM, kein Pipeline-Management
- Führungsvakuum – Geschäftsführer überlastet oder Position vakant
- Wachstum fühlt sich chaotisch an statt planbar

Wenn drei oder mehr Punkte zutreffen, ist es Zeit für eine ernsthafte Bestandsaufnahme. Nicht in sechs Monaten – jetzt.

Der Unterschied zwischen Turnaround und Transformation

Ein Turnaround stabilisiert. Eine Transformation verändert. Beides ist nötig, aber die Reihenfolge ist entscheidend: Erst stabilisieren, dann transformieren.

Zu viele Geschäftsführer verwechseln beides. Sie wollen gleichzeitig die Kosten senken, das Team umbauen, neue Märkte erschließen und die Marke relaunchen. Das Ergebnis: Überforderung auf allen Ebenen.

Die Reihenfolge, die funktioniert: Cash sichern → Quick Wins → Vertrieb stabilisieren → Team aufstellen → Prozesse bauen → Wachstum ermöglichen.

Fazit

Ein Turnaround im KMU ist kein Strategieprojekt. Es ist operative Führung unter Zeitdruck. Die ersten 90 Tage entscheiden, ob das Unternehmen die Kurve kriegt – oder weiter abrutscht.

Wenn du gerade in dieser Situation steckst: Du musst das nicht alleine machen. [In einem kostenlosen Erstgespräch](/kontakt) klären wir, ob und wie [Interim Management](/interim-management) für dein Unternehmen der richtige Hebel ist.

Manfred Buxbaum

Manfred Buxbaum

Interim CEO, Berater & Coach für KMU. 15+ Jahre operative Führungserfahrung in 4 Branchen.

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