Markenrelaunch nach Übernahme.
Change, kein Design
Manfred Buxbaum
Nach der Übernahme eines Bildungsträgers stand ich vor einer Marke, die niemand erklären konnte. Nicht die Kunden, nicht das Team, nicht ich. Das Logo existierte, der Briefkopf auch. Ein Versprechen dahinter gab es nicht.
Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ein Markenrelaunch nach Übernahme gelingt. Wer ihn als Designauftrag an eine Agentur gibt, bekommt schöne Farben. Wer ihn als Change-Projekt führt, bekommt ein Team, das weiß, wofür es arbeitet.
In den ersten Wochen habe ich mit jedem Team an jedem Standort gesprochen. Drei Fragen, immer dieselben: Was macht euch stolz an eurer Arbeit? Was erzählt ihr Freunden über euren Job? Und was ist euch peinlich?
Die Antworten hatten ein klares Muster. Die Menschen waren stolz auf ihre Arbeit. Sie bildeten Fachkräfte aus, veränderten Lebensläufe, bewegten etwas in ihrer Region. Auf den Arbeitgeber waren sie nicht stolz. Die Marke erzählte ihre Geschichte nicht, sie stand ihr sogar im Weg.
Das ist die Lücke, die ein Relaunch schließen muss. Nicht die Lücke zwischen altem und neuem Logo. Die Lücke zwischen dem, was Menschen täglich leisten, und dem, was das Unternehmen nach außen behauptet.
Nach einer Übernahme ist diese Lücke besonders groß. Das Team hat gerade einen Eigentümerwechsel erlebt. Es fragt sich, ob seine Arbeit noch zählt. Ein Relaunch, der von oben kommt, beantwortet diese Frage mit Nein. Ein Relaunch, der mit dem Team entsteht, beantwortet sie mit Ja.
Der Ablauf, der bei mir funktioniert hat, besteht aus drei Phasen. Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar.
Bevor ein einziger Entwurf entsteht, sammelst du die Sätze der Mitarbeitenden. Wörtlich. Was sie über ihre Arbeit sagen, ist das Rohmaterial der neuen Marke. Ich habe dafür Gespräche geführt, keine Fragebögen verschickt. Ein Fragebogen liefert Kreuze. Ein Gespräch liefert die Geschichte hinter dem Kreuz.
Nimm dir dafür Zeit. Bei drei Standorten und 17 Mitarbeitenden waren das etwa zwei Wochen. Diese Zeit spart dir später Monate an Widerstand.
Erst jetzt kommt die visuelle Arbeit: Positionierung, Werte, Claim, Farben, Schrift. Der Unterschied zum klassischen Agenturprojekt liegt in der Beteiligung. Wir haben in internen Workshops gearbeitet und jeden Zwischenstand den Teams gezeigt. Den Claim haben die Mitarbeitenden mitentwickelt.
Wichtig dabei: Beteiligung heißt nicht Abstimmung über jede Farbnuance. Es heißt, dass die Menschen ihre eigenen Sätze in der Marke wiederfinden. Die Entscheidung über das Ergebnis bleibt bei der Geschäftsführung.
Der Launch ist kein Rundschreiben mit Logo im Anhang. Er ist ein gemeinsames Erlebnis. Bei uns kam das gesamte Team an einem Ort zusammen. Persönliche Vorstellung der Marke, gebrandete Ausstattung für jeden, eine gemeinsame Aktivität. Die Botschaft: Diese Marke gehört euch.
Danach haben wir die Standorte Zug um Zug umgestellt. Jeder hatte seinen eigenen Moment, aber alle bauten auf demselben Tag auf.
Ich habe Relaunches gesehen, die viel Geld gekostet haben und nach einem Jahr niemand mehr erwähnte. Die Ursachen wiederholen sich.
Das Gegenmittel ist in allen fünf Fällen dasselbe: Beteiligung vor Gestaltung, Erlebnis statt Mitteilung.
Bevor du eine Agentur oder ein internes Team mit Gestaltung beauftragst, prüfe diese Punkte:
Wenn du bei mehr als zwei Fragen zögerst, ist der Entwurf zu früh.
Bei unserem Relaunch gab es null Kündigungen wegen der neuen Marke. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Übernahmen mit Rebranding sind ein klassischer Anlass für Abgänge. Wichtiger war etwas anderes: Das Team konnte zum ersten Mal sagen, wofür es steht. Und wollte es auch.
Die Marke wurde später zum Fundament für Recruiting und Wachstum. Menschen bewarben sich, weil sie Teil dieser Geschichte sein wollten. Kunden fragten an, weil der Auftritt nach Zukunft aussah statt nach Schulungsraum. Den vollständigen Verlauf habe ich im Case Markenrelaunch beschrieben. Wie das in den Turnaround eingebettet war, steht im Case Turnaround.
Ein Relaunch nach Übernahme ist Führungsarbeit. Er gehört zur operativen Verantwortung, nicht in die Marketingabteilung allein.
Ein Markenrelaunch nach Übernahme beginnt nicht am Zeichenbrett, sondern im Gespräch. Frag morgen drei Mitarbeitende, worauf sie stolz sind und was ihnen an der Marke peinlich ist. Schreib die Antworten wörtlich auf. Wenn die neue Marke diese Sätze nicht trägt, ist sie noch nicht fertig.
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